Nun wird es ernst für das Bad Nilsteiner Orakel. Hippel ist schon voraus in die Höhle gelaufen, um dem alten Eber und seinem Freund, dem alten Hasen, mitzuteilen, dass die
Kanzlerin im Anmarsch ist. Die zwei schauen oben aus dem steinernen Schädel des Orakelhauptes und versprechen, ihr Bestes zu tun, um Bärbel von ihrem Plan, einen halben Staudamm bauen zu lassen, abzubringen.
Innen, im Kopf der Wahrsagemaschine, sind Dutzende von Hebeln und geheimnisvollen Vorrichtungen. Von vielen weiß keiner mehr, zu was sie gut sind, aber an einigen der Bedienelemente sind Schilder angebracht, auf denen der Verwendungszweck angegeben ist.
Der alte Eber zieht an dem Hebel für Nebel. Normalerweise setzt er diesen Effekt nur sparsam ein, aber um die Kanzlerin zu täuschen, dreht er voll auf. Der alte Hase hat bereits den Echohebel auf
Anschlag geschoben und wartet auf seinen Auftritt.
Als die Kanzlerin die Höhle des Orakels betritt, quellen aus dessen Nüstern gewaltige Dampfwolken hervor. Der Steinkopf nebelt sich so ein, dass er gar nicht mehr zu sehen ist.
Bärbel glaubt, dass die lieben Kleinen sie wieder mal veralbern wollen, aber Hippa schwört, das Orakel sei gerade noch da gewesen.
Der alte Hase im Kopf ruft mit Grabesstimme: "Willkommen, Kanzlerin unseres Landes!" Da er aber den Echoerzeuger voll aufgedreht hat, hört sich das in der Höhle zwar äußerst schaurig, aber leider völlig unverständlich an. Hippel, Hippa und ihre Tante hören nur "WILKAN UNLA MENLA ANZL UNMENKA" – und das alles auch noch mit Nachhall. Bärbel ruft dem Orakel zu, das langsam wieder aus dem Nebel auftaucht, dass es eine äußerst unverständliche Aussprache habe.
"Wenn du das Echo bis hinten aufdrehst, versteht dich keiner, das haben wir doch alles schon ausprobiert, du altersschwacher Hoppler!", faucht – im Kopf des Orakels – der alte Eber seinen Freund an. Der lässt sich aber nicht aus der Ruhe bringen, er zieht den Echohebel auf halbe Kraft und ruft: "Test, Test, Test … 1, 2, 3 … Bin ich jetzt zu verstehen?"
"Jetzt höre ich dich klar und deutlich", gibt die Kanzlerin zur Antwort.
Obwohl Hippel genau weiß, wie das Orakel in Wirklichkeit funktioniert, wird ihm die Sache langsam doch unheimlich. Die Tante soll endlich fragen, was zu fragen ist, und dann sollte man besser verschwinden. Also fragt Bärbel das, was sie auf der ganzen Welt am meisten interessiert, nämlich ob sie nun den halben Staudamm bauen soll oder nicht. Und schon tönt die Antwort aus dem gewaltigen Steinmaul: "Also mir wäre ein Hallenbad mit Möhrensaftbar lieber!"
Nun ist Bärbel aber doch beeindruckt. Das ist gar nicht so dumm. Wenn man es sich genau überlegt, ist das sogar ein guter
Kompromiss.
Der alte Hase ist stolz darauf, dass seine List so gut hingehauen hat. Vor lauter Freude fängt er an, einige noch nicht erprobte Hebel und Schnüre zu ziehen. Plötzlich steigen Seifenblasen aus dem Orakelmaul.
Hippel und Hippa zerren ihre Tante zum Höhlenausgang, die Sache ist ihnen nicht geheuer. Wer weiß, auf welche Knöpfe die beiden Alten im Kopf noch drücken werden? Die Kanzlerin hätte da schon noch einige Fragen, aber sie wird zur Höhle hinausgeschoben.
"So, nun ist sie weg und du bist Schuld, du dusslige Wildsau!", brüllt der Hase den Eber an. Der verlangt, dass sein Freund das "dusslig" sofort zurücknimmt, sonst …
Ja, was sonst passiert wäre, werden wir nie erfahren, denn bei dem einsetzenden Handgemenge im Steinkopf zieht der Eber zufällig an einer Art Toilettenspülung. Diese äußerst sinnreiche, in grauer Vorzeit ersonnene Vorrichtung, diente der monatlichen Grundreinigung der gesamten Orakelanlage und sie funktioniert immer noch.
Eine gewaltige Sturzflut ergießt sich aus der Decke und schwemmt den Staub der Jahrtausende, aber auch das alte Wildschwein und den alten Hasen aus der Höhle.
Jetzt wird ihnen auch klar, wozu der Rettungsring gut ist, der bislang völlig unbeachtet an der Wand des Orakels hing. Sie klammern sich daran fest, um nicht in der Wasserwelle zu versinken.
Während das uralte Orakel automatisch durchspült wird, bereitet
Polizeichef Günter Schlotter in der Gefängnisküche das Essen für seine Gefangenen vor. Dabei pfeift er vor lauter Glück fröhlich vor sich hin. Oh ja, es ist einfach herrlich, er hat den Ohaha und seinen
Spion in der allersichersten Zelle untergebracht. Seine Angsthasenverwandten sind mächtig stolz auf ihn und er selber ist es auch. Noch schnell eine winzige Prise Salz an die Wassersuppe und dann kann er servieren. Für seine Lieblingshäftlinge hat der Günter sogar schon einen Menüplan für die ganze Woche zusammengestellt.
Montag: Wassersuppe Natur
Dienstag: Wassersuppe À la Müllerin
Mittwoch: Wassersuppe mit Mus von der Kugelrübe
Donnerstag: buntes Wassersuppenallerlei
Freitag: Wassersuppe Aquarium
Samstag: Heilfasten
Sonntag: Wassersuppe nach Art des HausesSchließlich soll ihm keiner nachsagen, er kümmere sich nicht genügend um das Wohl seiner Gefangenen.
Die hocken in ihrer Zelle und denken darüber nach, wie sie möglichst schnell ausbrechen können. Der Ohaha hat die grandiose Idee, dass sein Spion die Gitter vor dem Fenster einfach durchnagen soll. Dazu hat der aber überhaupt keine Lust und er behauptet, Zahnweh zu haben. Das hält der Oberhass-
Hase für Befehlsverweigerung. Wenn der Spion nicht sofort zu nagen anfängt, wird er ihm beide Schneidezähne ohne Narkose mit der bloßen Hand ziehen. Zitternd beginnt der arme Kerl, lustlos an den Gittern zu knabbern. Dabei geht ihm durch den Kopf, dass er sich vielleicht bei Bärbel um eine Anstellung als Spion bewerben sollte, er weiß allerdings nicht genau, ob in einer
Demokratie überhaupt Spione gebraucht werden.
Dabei bräuchte der Ohaha seinen Spion gar nicht zu zwingen, am Gitter zu nagen, denn tief im Wald leben im Untergrund immer noch einige unverbesserliche Anhänger des ehemaligen
Diktators.
Fünf Hass-
Hasen haben sich auf einer Lichtung versammelt. Noch immer tragen sie voller Stolz ihre Uniformen mit den knallroten Hosenträgern. Nur die Knoten in den Ohren, die sind verschwunden. Einen Plan haben sie auch schon.
Als
Richterin Tusnelda Ringel sie verurteilt hatte, ihr eigenes
Gefängnis zu errichten, haben sie in weiser Voraussicht gleich einen Fluchttunnel mit eingebaut. Von dem gibt es sogar einen ganz genauen Plan.
Während in Rübstadt die Vorbereitungen zur Befreiung des Ohaha und seines
Vasallen getroffen werden, spielt sich in Sauburg ein Familiendrama ab.
Der alte, abgesetzte König Speckig hat es sich in der Wiege seines Enkels Moritz bequem gemacht und jammert dem Prinzchen die Ohren voll: "Mein eigenes
Volk will nicht mehr von mir regiert werden. Kannst du dir so was vorstellen, mein geliebter Enkel?" Der grinst seinen Opa frech von der Wickelkommode aus an und sagt: "Und ob!"
Seine
Majestät ist außer sich. Er schnappt seinen Enkel, schüttelt ihn und erklärt ihn für unwürdig, die königliche Speckmütze zu tragen, da er sich benehme wie sein Vater, dieser unbelehrbare Demokrat. Moritz brüllt nach seiner Mama. Die kommt sofort angerast und befreit ihren geliebten Frischling aus der Umklammerung ihres königlichen Papas. Sie verbietet Speckig, ihren Sohn für seine
politischen Zwecke zu missbrauchen. Was der König brauche, sei Beratung. Gerade habe sie in der "Wahrheit" gelesen, dass in Nilstein ein Orakel wiederentdeckt worden sei. Vielleicht sollte er hinreisen und um Rat bitten.
Aber der ehemalige Herrscher aller Speckonier winkt nur müde ab. Er erinnert sich an ein Orakel in seiner Heimat, das aber leider immer nur den größten Mist erzählt hat und dafür jede Menge Nahrungsmittel als Opfer verlangte.
Nein, da geht er doch lieber zu Odo, der hat nämlich gerade ein Beratungsbüro für politische Fragen eröffnet. Dort sitzt er nun und wartet auf Kundschaft. Eigentlich hat er ja damit gerechnet, dass Bärbel auftaucht, um sich endlich in der Staudammfrage vernünftig beraten zu lassen.
Aber es ist König Speckig, der ihm gegenüber am Schreibtisch Platz nimmt und sofort losheult: "Und nun, nach allem, was ich für sie getan habe, wirft mein Volk mir Misswirtschaft vor und will lieber in einer Demokratie leben. So was ist doch ungerecht, oder?"
Odo fragt ganz
diplomatisch nach, ob
Durchlaucht denn schon mal was von konstitutioneller
Monarchie gehört habe. Das hat der König tatsächlich schon. Nur, so flüstert er, während ihm die Tränen von den Schweinsbacken tropfen, wäre er halt viel, viel lieber
absolutistisch.
Wird der Schweiger dem König sagen, dass er mit seiner Regierungsform ins Mittelalter gehört?
Wird Bärbel auf den Staudamm verzichten und, wie vom Orakel vorgeschlagen, lieber ein Hallenbad bauen?
Was wird aus den Plänen der Hass-
Hasen, den Ohaha zu befreien?
Weiter geht es in der nächsten Folge und die heißt "Der Zacken aus der Krone".
Hörspiel-Version Folge 34