Regie: Henry Selick, nach dem gleichnamigen Roman von Neil Gaiman
Die elfjährige Coraline ist mit ihren Eltern gerade von Michigan nach Oregon umgezogen. Diese beiden
amerikanischen Bundesstaaten liegen sehr weit voneinander entfernt. Coraline vermisst ihre alten Freunde sehr und die Eltern haben so viel zu tun, dass sie sich um ihre Tochter kaum kümmern können. Bei einer Erkundung der neuen Umgebung lernt sie eine schwarze Katze und den gleichaltrigen Jungen Wybie kennen, der ihr zunächst nur auf die Nerven geht.
Coraline fühlt sich von ihrem neuen Nachbarn eher erschreckt
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Auch ihre neuen Nachbarn – zwei ältere
britische Schauspielerinnen und ein riesengroßer
russischer Mäusezirkusdompteur – wirken langweilig. Eine geheimnisvolle kleine Tür in einem Zimmer des 150 Jahre alten Hauses erregt allerdings ihre Aufmerksamkeit. Als die Mutter diese Tür öffnet, ist dahinter nur eine Backsteinmauer zu sehen. Coraline öffnet sie am nächsten Tag erneut und findet nun einen Tunnel vor. Auf der anderen Seite entdeckt sie eine Welt, die mitsamt allen bekannten Personen vollkommen der ihren gleicht. Nur sind die "anderen" Eltern viel spaßiger, das Essen dort schmeckt weitaus besser, alle haben Zeit für sie. Auch die Farben dort leuchten viel intensiver und der Garten ist voller prächtiger Blumen, die in ihrer Anordnung Coralines Gesichtszüge zeigen, wenn man sie aus der Vogelperspektive betrachtet. So schön, aufregend und abwechslungsreich das Mädchen diese Welt auch empfindet: Die Menschen, deren Augen nur aus Knöpfen bestehen, wirken trotz des freundlichen Verhaltens doch etwas merkwürdig.
Auch die beiden britischen Schauspielerinnen wirken abschreckend
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Als Coraline das dritte Mal diese Welt betritt, macht die "andere" Mutter ihr einen Vorschlag. Sie könne hier bleiben, wenn auch sie sich Knöpfe anstelle der Augen annähen lasse. Gewarnt von der schwarzen Katze, die in dieser Welt sprechen kann, möchte Coraline so schnell wie möglich zurück zu ihren wirklichen Eltern. Die "andere" Mutter, die sich nun als böse Spinnenhexe entpuppt, versucht sie mit allen Mitteln davon abzuhalten. Coraline gelingt die
Flucht. Zuhause muss sie voller Entsetzen erkennen, dass die
Hexe die Eltern inzwischen in ihre
Gewalt gebracht hat. Um sie zu retten, kehrt Coraline erneut in die Welt zurück. Mit großem Mut, viel Erfindungsreichtum und mit Hilfe der schwarzen Katze versucht sie, die Hexe zu überlisten.
Wie ist der Film gemacht?Der
Journalist und Schriftsteller Neil Gaiman entwickelte die Vorlage für diesen Film aus Gutenachtgeschichten, die er seinen beiden Töchtern erzählte. Das 2002 in den USA veröffentliche Buch über ein ganz normales Mädchen, das sich dem Bösen entgegenstellt, wurde in über 30 Sprachen übersetzt. 2003 ist es auch in
Deutschland erschienen. Regisseur Henry Selick setzte die Geschichte in einem Puppentrickfilm als "Stop-
Motion-
Animation" um. Diese besondere Filmtechnik hatte er bereits 1996 in "James und der Riesenpfirsich" erfolgreich eingesetzt. Jeder Film besteht aus 24 oder 25 Standbildern je Sekunde. Für das menschliche Auge ergeben sie erst in ihrer schnellen Abfolge den Eindruck von Bewegung.
Eine verschlossene Tür weckt Coralines Neugier
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Bei der Stop-
Motion-
Technik werden real hergestellte Puppen in unzähligen Einzelbildern aufgenommen. Die Puppen waren bei diesem Film etwa 25 cm hoch. Sie müssen sich in ihrer Haltung auf die gewünschten Bewegungsabläufe hin verändern lassen. Ihre Bewegungsschritte wichen nur jeweils wenige Millimeter von den vorhergehenden ab. Alle Orte im Film wurden vorher im Studio gebaut und werden "Sets" genannt. Erst in der Projektion, also beim Abspielen dieser vielen Einzelbilder in Folge, wirken die Puppen lebendig, sie wurden animiert. Ihre Gefühle und ihr Sprachverhalten spiegeln sich in ihren Gesichtern. Zu diesem Zweck wurden unzählige Gesichtsmasken angefertigt, die man bei jedem Einzelbild einfach austauschen und an den Puppenkopf kleben konnte.
Durch einen Tunnel kriecht sie in eine andere Welt
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Damit es so wirkt, als würden die Puppen wirklich sprechen, entstanden zuerst die Sprachaufnahmen. Die Sprecher, das sind echte Schauspieler, trafen sich in einem Tonstudio und sprachen den Text des Films, der aufgenommen wurde. Nach diesen Aufnahmen richtete sich die spätere Animation der Figuren. Es ist eine sehr zeitaufwändige Technik, die viel Geduld und sorgfältige Vorbereitung erfordert. "Coraline" ist die größte Stop-
Motion-
Produktion, die es bisher gab. Allein die reinen Dreharbeiten, also die Anfertigung der Einzelaufnahmen, dauerten 18 Monate.
Was ist das Besondere an diesem Film?Geschichten über böse Hexen, Geister, dunkle Mächte und das Böse in allen seinen Erscheinungsformen, die Kindern erzählt werden, wirken selten so unmittelbar und wuchtig wie die vorgefertigten Bilderwelten im Kino. Das gilt vor allem, wenn sie so perfekt gemacht sind und lebensecht wirken wie in diesem Film. Die Älteren unter euch werden an diesem leicht gruseligen Märchen dennoch ihren Spaß finden und sich in einigen Szenen an die Abenteuer von "Alice im Wunderland" erinnert fühlen. Der Film fasziniert durch farbenprächtige Fantasiewelten aus der Tier-
und Pflanzenwelt, aberwitzige Erlebnisse des Mädchens in der anderen Welt und viele schräge Erwachsenenfiguren.
Der Schlüssel zu dieser Welt wird von der Hexe geschluckt
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Er enthält aber auch düstere und bedrohliche Szenen und greift in seiner Gestaltung die weitverbreitete Angst vor Spinnentieren auf. Das Beste am Film ist Coraline selbst, ein starkes kleines Mädchen, das ihrem langweiligen Leben entfliehen möchte und sich mehr Aufmerksamkeit von ihren Eltern wünscht. Mit viel Mut und ihrer ganzen Vorstellungskraft entkommt sie ihrem Alltag, findet aber zugleich einen Weg dorthin zurück. Das ermöglicht es ihr, ihre Eltern neu und mit anderen Augen zu sehen – gerade weil sie sich standhaft weigert, sie durch Knöpfe zu ersetzen.
Thomas Werner