Regie: André F. Nebe
Deutschland, Irland 2009, 84 Min.
Die elfjährige Mary Kensay lebt in
Nordirland auf einem Bauernhof, auf dem sie täglich mit anpacken muss. Von den Stadtkindern in der Schule wird sie verspottet, denn ihre Herkunft ist trotz der Schuluniform deutlich zu riechen. Besonders der gehässige Ray hat es auf sie und auf ihren Freund Tom abgesehen. Er lässt keine Gelegenheit ungenutzt, die beiden zu verhöhnen und zu bedrängen. Bei Mary zu Hause herrscht ebenfalls dicke Luft, denn der Hof ist hoch verschuldet. Die Beziehung der Eltern ist dadurch sehr belastet und ihre Mutter möchte die
Familie verlassen. Zum Glück hat Mary in Tom einen echten Freund, der auch ihre Begeisterung für Seifenkisten und den Motorsport teilt. Später einmal möchte sie studieren und selbst Rennwagen konstruieren. Jede freie Minute verbringen die beiden miteinander und fahren Rennen mit ihren selbst gebauten Seifenkisten aus Holz. Meistens gewinnt Mary, aber das stört Tom nicht. Als ein reicher Grundbesitzer ein Seifenkistenrennen ausrichtet, möchte Mary unbedingt daran teilnehmen.
Marys Vater drückt der Tochter beim Rennen die Daumen
© farbfilm verleih GmbH
Falls sie gewinnen sollte, was niemand außer Tom für möglich hält, wird Ray sie und Tom endlich in Ruhe lassen. Unbeirrt fasst Mary fortan ihr Ziel ins Auge und lässt sich davon weder von einem kleinen Unfall noch von ihrem Vater abhalten. Dieser ist ebenfalls der Meinung, Seifenkistenrennen seien nichts für Mädchen. Doch dann hilft er seiner Tochter. Er baut mit ihr eine neue Seifenkiste, mit der sie eine kleine Chance gegen die Hightech-
Kisten ihrer schärfsten Gegner hat. Denn das Rennen, das über vier Kilometer den Berg hinunter ans Meer führt, stellt höchste Ansprüche an Materialien und fahrerisches Können. Während Mary im Rennen um ihren Sieg kämpft, ringt ihre Mutter mit der Entscheidung, die Familie endgültig zu verlassen.
Wie ist der Film gemacht?In
Deutschland sind Kinderfilme im Moment vor allem dann erfolgreich im Kino, wenn sie nach bekannten Kinder-
und Jugendbüchern gedreht werden,
Die Zuschauer jubeln beim Finale am Strand
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also sogenannte Literaturverfilmungen sind. Originalstoffe, so werden Drehbuchvorlagen genannt, die extra für einen Film geschrieben wurden, haben es oft schwerer. Der junge deutsche Regisseur André F. Nebe und der
irische Drehbuchautor Rowan O’Neill möchten mit diesem Film zeigen, dass Originalstoffe mindestens genauso spannend und unterhaltsam sein können wie Literaturverfilmungen. Die nordirische Landschaft, in der es ausgerechnet bei den Dreharbeiten über Wochen ständig geregnet hat, verleiht dem Film eine besonders intensive Stimmung. Diese Gegend ist noch sehr von alten Rollenvorstellungen geprägt. Mädchen und Frauen haben weniger Freiräume und Entwicklungsmöglichkeiten, ihnen wird weniger erlaubt als den Jungen und Männern. Zugleich befindet sich die Gegend
wirtschaftlich stark im Umbruch. So muss Marys Vater den Hof verkaufen, weil er nicht mehr genug einbringt. Und die Kinder müssen in dieser Gegend Schuluniformen tragen.
Marys Widersacher Roy ist enttäuscht
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Die erzählte Geschichte dagegen könnte sich auch ganz woanders zutragen, das heißt sie ist universell: Seifenkistenrennen finden mit großer Begeisterung auch in Deutschland statt, Eltern trennen sich leider überall auf der Welt und auch die Mädchen mussten und müssen sich immer wieder gegenüber den Jungen behaupten – und umgekehrt. Bewegung, Tempo und Geschwindigkeit begeistern Jungen und Mädchen gleichermaßen. Schiffsschaukeln und Karussells auf der Kirmes sind Belege dafür. Rennen,
Marys Vater beglückwünscht die Tochter
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gleich welcher Art, sind immer spannend, denn niemand kann wissen, was als Nächstes passiert, wer zuerst durch das Ziel gehen wird. Der Film nutzt diese Spannung. Er steigert sie über mehrere Übungsrennen, in denen jedesmal eine Gefahr lauert, langsam bis zum dramatischen Höhepunkt. Das eigentliche Wettrennen am Ende des Films ist für sich gesehen schon spannend genug. Die Spannung wird zusätzlich verstärkt, indem Marys Kampf um den Sieg parallel zur Entscheidung ihrer Mutter, sich für immer von der Familie zu trennen, gezeigt wird.
Was ist das Besondere an diesem Film?Der Alltag mit seinen Problemen, mit denen sich Tom und vor allem Mary im Film unmittelbar auseinandersetzen müssen, wird in diesem Kinderfilm nicht ausgeblendet. Vielmehr bestimmt er die Handlung, sei es durch die wirtschaftliche Not der Familie, Marys Außenseiterrolle in der Schule oder den verständlichen Ablösungsprozess
Das offizielle Siegerbild nach der Zielgeraden
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der Mutter von der Familie. Diese Trennung macht Mary besonders zu schaffen, denn selbstverständlich liebt sie ihre Mutter genauso wie ihren Vater. Während sich der Vater im Verlauf des Films allerdings erst langsam für seine Tochter entscheidet und sie dann uneingeschränkt unterstützt, wird die enge Mutter-
Tochter-
Beziehung nie in Frage gestellt. Gerade Marys Bestrebungen, für ihre Träume und Lebensziele zu kämpfen und sich gegenüber den Jungen zu behaupten, machen der Mutter erst Mut, sich selbst nicht aufzugeben. Der Film zeigt, wie nahe Sieg und Niederlage im Leben oft beieinanderliegen. Vor allem aber, dass es sich lohnt, für die eigenen Ziele zu kämpfen und niemals auf halber Strecke aufzugeben.
Thomas Werner