Der siebenjährige Stefek und seine bereits erwachsene Schwester Elka verstehen sich bestens, auch wenn der Junge ihr mitunter Streiche spielt. Elka glaubt, dass man mit Zinnsoldaten und Münzen das Schicksal beeinflussen kann und bringt diese kleinen Tricks Stefek bei. Aber Tricks alleine reichen nicht. Elka nimmt ihr Schicksal selbst in die Hand, als sie
Italienisch lernt. Sie hofft, so bessere Chancen auf eine Stelle als Sekretärin zu haben. Eines Tages glaubt Stefek, in einem Reisenden auf dem Bahnhof seinen Vater zu erkennen. Als er seiner Schwester davon erzählt, reagiert sie ungehalten.
Stefek und seine große Schwester Elka am Bahnhof
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Der Vater hat die
Familie vor einigen Jahren verlassen, was Elka ihm nicht verziehen hat. Seitdem kümmert sie sich um den Jungen, während die Mutter tagsüber in einem kleinen Laden arbeitet. Da kommt Stefek auf die Idee, mit den Tricks seiner Schwester das Schicksal der eigenen Familie zu verändern. Der Vater steigt täglich in der kleinen Stadt um. Fortan setzt Stefek beharrlich alles daran, damit der Vater seinen Anschlusszug verpasst. Er könnte doch, so hofft Stefek, die Zeit bis zur nächsten Zugverbindung dazu nutzen, seine Familie zu besuchen – natürlich freiwillig und ohne das Gefühl einer Verpflichtung. Aus diesem Grund gibt sich der Junge auch nicht als Sohn zu erkennen, obwohl er längst die Aufmerksamkeit des Mannes auf sich gezogen hat. Und tatsächlich gelingt es Stefek einige Tage später, den Vater am Bahnhof aufzuhalten.
Elka beim Essen einer Wassermelone
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Weitaus schwieriger gestaltet sich die Aufgabe, ihn zu einem Gang durch die Stadt zu bewegen und alle möglichen Hindernisse aus dem Weg zu räumen, die ihn davon abhalten könnten, seine Familie zu besuchen. Tricks alleine nutzen da nichts, selbst die Hilfe seiner Schwester und ihres Freundes reichen nicht. Das Schicksal muss es schon besonders gut mit Stefek und seiner Familie meinen, damit sein Traum vielleicht doch in Erfüllung geht.
Wie ist der Film gemacht? "Kleine Tricks" ist ein beschwingter, humorvoller und liebevoll inszenierter Film, der für Kinder und Erwachsene gleichermaßen sehenswert ist. Dem zweiten Spielfilm des
polnischen Regisseurs Andrzej Jakimowski gelingt es meisterhaft, mit einfachen Mitteln, harmonischen Bildern und wenigen Worten große Wirkung zu erzielen. So wiederholen sich mehrfach Szenen im Film jeweils mit leichten Veränderungen wie beispielsweise Elkas hindernisreiche Bewerbungsgespräche
Stefek mit Elkas Freund auf dem Motorrad neben dem fahrenden Zug
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und Stefeks Versuche, die Tauben auffliegen zu lassen, die einst dem Vater gehörten. Stefek bemüht sich zunächst vergeblich, sie aus ihrem Taubenschlag zu locken. Er macht es so, wie ein alter Mann es ihm vormacht, der einfach in die Hände klatscht. Er sei noch zu jung, bekommt Stefek zu hören, deswegen wollen ihm die Tauben nicht gehorchen. Heimlich versucht Stefek nun, die Tiere zunächst mit der Kopfbedeckung, dann mit dem Stock und schließlich mit einer angezündeten Zigarette des Alten zu überlisten. So werden die Tauben zu einem einprägsamen Bild dafür, wie Stefek die geheimnisvolle Welt der Erwachsenen begreifen lernt und sich darin besser zurechtfindet. Zu dieser Welt gehören auch die Geheimnisse der Liebe und Sexualität. Stefek tastet sich vorsichtig an sie heran, als er der Nachbarstochter nach dem Baden einen Blutegel entfernt. Damian Ul als Stefek und Ewelina Walendziak als Elka sind wunderbare Laiendarsteller, die man sofort ins Herz schließt. Sie wirken vollkommen realistisch und gar nicht so, als ob sie ihre Rollen spielen.
Einkauf mit dem Motorrad: Elka, ihr Freund, dazwischen Stefek
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Das liegt auch an der einfühlsamen Führung der Schauspieler durch den Regisseur. Er lässt einzelne Szenen nie wiederholen und seine Darsteller oft im Unklaren darüber, ob die Kamera gerade läuft. So wirken die Szenen beiläufig, offen und ungezwungen wie aus dem richtigen Leben. Hinzu kommt, dass der Film stark autobiografisch gefärbt ist, also viel mit den Erlebnissen Jakimowskis in seiner eigenen Kindheit und der Beziehung zur älteren Schwester zu tun hat.
Was ist das Besondere an diesem Film?Nur selten anwesende Väter und allein erziehende Mütter gehören inzwischen zu den Erfahrungen vieler Kinder. Der Wunsch, dass es anders sein möge, ebenfalls. In manchen Filmen wird dies in eine dramatische Geschichte gepackt, in der starke Gefühle die Handlung bestimmen. Manchmal wird dies auch als Märchen erzählt, in dem sich alles fernab der Wirklichkeit zum Guten wendet. "Kleine Tricks" macht es noch anders und doch auf sehr filmische Weise. Das heißt, die Geschichte wird mehr über die fast
Stefek hofft, sein Vater werde diesmal nicht einfach mit dem Zug weiterfahren
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dokumentarisch wirkenden Bilder und die Originalgeräusche, also über die "Atmosphäre" des Ortes erzählt, als über die gesprochenen Worte und die Handlung. Die Stadt selbst wirkt ärmlich und doch fühlen sich die Menschen dort offenbar wohl. Alle haben sie ihre menschlichen Schwächen, nicht zuletzt der Vater, der die Familie verlassen hat. Aber niemand ist wirklich schlecht. Der Umgang miteinander wirkt ungezwungen und selbstverständlich. Das alles gewinnt märchenhafte Züge und doch vermittelt der Film, dass das ein Stück Wirklichkeit ist oder zumindest sein kann.
Thomas Werner