Tanz der Erwachsenen auf einer Motorhaube vor Wellenbrechern aus Beton
3L Filmverleih
Der zwölfjährige Chen lebt mit seiner russischstämmigen Mutter und dem in Israel geborenen Vater in der
israelischen Küstenstadt Ashdod, die von riesigen Sanddünen und noch höheren Betonbauten geprägt ist. Was in seiner
Familie zu Dauerspannungen führt, bestimmt auch das soziale
Klima des Ortes, in dem besonders viele
russische Einwanderer leben. Sie pflegen in eigenen
Gemeinden ihre Bräuche und Traditionen, sind isoliert, von den "Einheimischen" noch nicht voll akzeptiert, vor allem, wenn die hebräischen Sprachkenntnisse zu wünschen übrig lassen. Auch Chens Eltern haben in vielen Dingen unterschiedliche Vorstellungen. Die Mutter legt Wert auf Tischmanieren,
Kultur und Kunst, während der Vater, der sein Geld als Hochzeitsfotograf verdient, aus Chen einen "richtigen Mann" machen möchte. So leitet er ihn dazu an, einen Judokurs zu belegen und mit der geschenkten Digitalkamera die Mutter zu "überwachen", wenn sie tanzen geht. Statt in den Judokurs meldet sich Chen jedoch heimlich in einen Kurs für Standardtänze an, nachdem er dort zufällig die hübsche Natalie entdeckt und sich in sie verliebt hat.
Chen übt die Tanzschritte allein auf der Düne
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Weil Natalie aber mit dem hochnäsigen Artur bereits einen festen Tanzpartner hat, mit dem sie sich auf ein nationales Tanzturnier vorbereitet, muss Chen mit der bescheidenen Sharon vorlieb nehmen, die bisher ohne Partner ist. Nur ihretwegen darf Chen, der weiterhin nur Augen für Natalie hat, mit Unterstützung der russischen Tanzlehrerin Yulia bleiben. So übt Chen also täglich mit Sharon und nutzt sie für sein Ziel, den Tanzwettbewerb später mit Natalie zu gewinnen. Erst nach einem schmerzhaften Lernprozess und nach einer handfesten Auseinandersetzung zwischen seinen Eltern fragt Chen in letzter Sekunde vor Eröffnung des Turniers die geduldig wartende Sharon, ob sie mit ihm tanzen wolle.
Wie ist der Film gemacht?Der zweite Spielfilm des in Jerusalem geborenen Filmemachers Eitan Anner entstand, nachdem er im Mai 2001 auf einer russischen Hochzeit zum ersten Mal sah, wie ein Junge und ein Mädchen einen Standardtanz vorführten. Ihn bezauberte dabei, "dass die Tänzer nicht ein Junge und ein Mädchen waren, sondern die Miniaturen eines Mannes und einer Frau, die in der Miniaturkapsel einer Liebesbeziehung gefangen waren".
Chen filmt Natalie auf dem Dach des Hauses
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Zugleich war diese Liebesbeziehung in Regeln eingebunden, die im Spannungsfeld von extremer Künstlichkeit und vollkommener Natürlichkeit stehen. Die Faszination des Regisseurs überträgt sich im Film auf das Publikum unabhängig vom Alter, selbst wenn man Standardtänze für Kinder als unangebracht empfinden sollte. Solche Standardtänze gab es in Israel bis vor wenigen Jahren ausschließlich in russischen Gemeinden, daher musste der Regisseur erst recherchieren und er befragte für seinen Film hunderte von Kindern in solchen Tanzkursen nach ihren Ängsten und Träumen.
Zwei große Themen, die von der Kamera in beeindruckenden Bildern vermittelt werden, durchziehen den Film wie ein roter Faden. Das eine ist das Spannungsverhältnis von Fremdheit und Vertrautheit, es erzählt von den Integrationsproblemen russischer Einwanderer in Israel, von dem Aufeinanderprall zweier Kulturen und Lebensweisen. Im Mittelpunkt dieser Auseinandersetzung steht Chen als Verkörperung beider Welten. Wie die Kamera im Film nimmt er, scharf und sensibel beobachtend, seine Welt durch den Sucher der Digicam wahr. Über die Bilder seiner Kamera verliebt er sich in Natalie, findet sogar einen Zugang zu ihr dank ihres Bedürfnisses nach Fotogenität und Aufmerksamkeit. Das zweite Thema ist das Spannungsverhältnis zwischen Traum und Realität, zwischen äußerem Schein und wahrem Sein. Es findet sich in der Personenkonstellation von Natalie und Artur ebenso wie bei Sharon und Chen, bei Chens Eltern und nicht zuletzt bei den Tanzlehrern Roman und Yulia (Romeo und Julia), die als ehemalige Weltmeister im Tanzen in Israel gestrandet sind und nicht wahrnehmen, was die Realität ihnen zu bieten hat. Symbolkräftige Bilder greifen in vielfältiger Weise dieses Spannungsverhältnis auf, etwa
Chen wird von Artur und seinen Freunden wegen Natalie bedroht
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wenn die Kamera inmitten einer Sandwüste eine Plakatwand erfasst, auf der moderne Hochhäuser den Traum von einem besseren Leben visualisieren, wenn riesige Wellenbrecher aus Beton am Strand gleichermaßen Schutz und Bedrohung, Natur und Sterilität des Betons ausdrücken oder wenn Chen und Sharon ihre formvollendet wirkenden Tanzschritte auf dem schäbigen Dach eines altes Hauses hoch über der Stadt üben. Erst am Ende umkreist eine entfesselte Kamera die Protagonisten, löst die Widersprüche in ihnen auf und erhebt sich im Freudentaumel einer atemberaubenden Kranfahrt über das Geschehen.
Was ist das Besondere an diesem Film?Das ungewöhnliche Thema und die gelungene Visualisierung sind eigentlich schon das Besondere an diesem Film, der ein eindrückliches Plädoyer dafür liefert, zu den eigenen Gefühlen zu stehen und die Träume im Leben weiter zu verfolgen. Erwachsene geben dabei oft zu früh auf, Kinder sind hier absoluter und konsequenter. Fast tragisch ist dabei das Schicksal der hübschen Natalie, eines begabten Mädchens zwischen selbstverliebter Eitelkeit, Perfektionswahn und selbstzerstörerischer Ablehnung ihres als hässlich erlebten Körpers. Ihre familiären
Konflikte – die Großmutter möchte nur noch sterben, die Eltern sind ständig abwesend – versucht sie mit Perfektion zu lösen und legt dabei zu viel Gewicht auf das Äußere. Von ihrer Person und den johlenden Jugendlichen am Strand abgesehen, die die jungen Tänzer auf "ihrem" Sportplatz als "russischen Abschaum" beschimpfen, verdeutlicht der Film jedoch, dass sich kulturelle Schranken und Abgründe überwinden lassen,
Integration und gegenseitige Akzeptanz möglich sind. Was russische Immigranten im Alltag erleben, erfährt Sharon am eigenen Leib im privaten Bereich.
Chen und Sharon sind ein harmonisierendes Tanzpaar geworden
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Sie wird von Chen ignoriert. Aber sie gibt nicht auf, nimmt nicht alles zu persönlich, ist zum Verzeihen bereit, hat zwar auch ihren Stolz, der aber nur dazu da ist, ihre Würde zu schützen. Chen wiederum lernt zwar durch Yulia, wie wichtig Regeln und Respekt vor dem anderen beim Tanzen wie in der
Gesellschaft sind, kann diese Erkenntnis aber erst in seine Alltagsrealität durch Sharons Verhalten übertragen. So endet der Film mit einer positiven, geradezu beschwingten Stimmung beim Rumba.
Das in
Deutschland erstmals auf dem Kinderfilmfest der Internationalen Filmfestspiele
Berlin 2007 präsentierte Werk gewann kurz davor auf dem Kinderfilmfest
Wien 2006 den Preis der Kinderjury. Ein wichtiges Indiz dafür, dass der Film nicht nur Jung und Alt gleichermaßen anspricht, sondern auch von den Kindern selbst als Kinderfilm eingeschätzt wird, der trotz des fremden Milieus genügend Anknüpfungspunkte für den eigenen Lebensalltag bietet.
Thomas Werner