Regie: Anna Justice, nach dem Jugendroman „Prinz William, Maximilian Minsky und ich“ von Holly-Jane Rahlens
So wie katholische Kinder ihre Kommunion und evangelische Kinder ihre Konfirmation feiern, so feiern
jüdische Kinder ihre Bat Mizwa (Mädchen) und Bar Mitzwa (Jungen). Die 13-
jährige Nelly Sue Edelmeister
Max Minsky, der neue Mitschüler in Nellys Klasse
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aus
Berlin bereitet sich auf Wunsch ihrer Mutter mit dem
Hebräisch-
Unterricht in der Synagoge auf dieses Ereignis vor, als das geordnete Leben der klugen Musterschülerin, die später einmal Astronomin werden möchte, durch eine Fernsehnachricht gehörig durcheinander gerät. Ihr großer Schwarm Prinz Edouard von
Luxemburg wird in einigen Wochen im Rahmen einer
europäischen Schulmeisterschaft persönlich auch das Basketballteam ihrer Schule begrüßen. Für Nelly steht fest, dass sie diese Gelegenheit nicht versäumen darf. Wie aber soll sie das anstellen, wo sie doch den Sportunterricht hasst und sie keine Chance hat, in das Team aufgenommen zu werden. Der Zufall kommt ihr in Gestalt des 15-
jährigen Max zur Hilfe, der gerade mit seiner Mutter von München nach Berlin gezogen ist und in ihre Klasse kommt. Als Nelly erfährt, dass das Sporttalent in den Fächern versagt, die ihr besonders liegen, entwickelt sie einen ausgeklügelten Plan. Sie bietet seiner Mutter an, ihm Nachhilfeunterricht zu erteilen, und bezahlt Max mit dem eingenommenen Geld, damit er sie täglich im Basketballspiel unterweist. Max ist davon wenig begeistert, da Nelly ihm aber zusätzlich die Hausausgaben macht, lässt er sich überreden. Nelly, die für die Trainingsstunden sogar ihren Hebräisch-
Unterricht schwänzt, spielt am Anfang fürchterlich schlecht. Max imponiert es aber, wie sie unbeirrt ihr Ziel im Auge behält. Nach einiger Zeit beginnen sich beide auch persönlich füreinander zu interessieren und Max zeigt ihr sogar sein geheimes Versteck im Untergrund der Stadt. Ausgerechnet am Tag des Aufnahmetests für das Team fliegt
Max zeigt Nelly sein geheimes Versteck im Untergrund
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der Schwindel mit den Hausaufgaben durch eine Rivalin von Nelly auf, die Max später auch den wahren Grund von Nellys plötzlichem Interesse am Basketball petzt. Max fühlt sich gedemütigt. Als seine Mutter ihn wegen des Schulverweises auch noch in ein Internat stecken will, reißt er von Zuhause aus. Nelly weiß, wo sie ihn finden kann. Um ihm zu helfen, müsste sie aber auf die Fahrt nach Luxemburg verzichten.
Wie ist der Film gemacht?Als 12-
Jährige verliebte sich die jüdisch-
amerikanische Schriftstellerin Holly-
Jane Rahlens in den jungen Prinz Charles. Als sie ihren 2002 erschienenen Roman schrieb, der nun von Anna Justice verfilmt wurde, erinnerte sie sich an die Begebenheit aus ihrer Kindheit und ließ dann Prinz William zum Schwarm
Nelly betrachtet sich selbstkritisch im Spiegel
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ihrer Hauptfigur Nelly werden. Da ihre Drehbuchbearbeitung für den Film die Handlung aber in der Gegenwart ansiedelt und Prinz William als Teenieschwarm nicht mehr in Frage kommt, wurde kurzerhand ein fiktiver Prinz aus Luxemburg erfunden. Abgesehen von dieser reinen Kunstfigur und dem Umstand, dass Nelly im Roman die Aufnahme ins Basketballspiel nicht schafft, was in Anbetracht der wenigen Wochen Training eigentlich realistisch wäre, versuchte Anna Justice in ihrem ersten Kinospielfilm jedoch, der Vorlage möglichst gerecht zu werden. Mit viel Humor, reichlich Situationskomik und großer Leichtigkeit selbst in dramaturgisch heiklen Szenen inszeniert sie die Coming of Age-
Geschichte zweier Jugendlicher in Berlin, ohne ernste Themen auszusparen. Immerhin erlebt Nelly hautnah mit, wie die Ehe ihrer Eltern in die Brüche geht, nicht zuletzt wegen einer Affäre ihres Vaters, einem äußerst begabten, jedoch erfolglosen Musiker. Max wiederum wird von seiner Mutter ungerecht behandelt und von seinem Vater ignoriert, der keine Zeit für ihn hat. Der Film entwickelt ein gutes Gespür für das richtige Timing und konzentriert sich trotz mehrerer Nebenstränge auf seine beiden überaus sympathisch wirkenden Hauptdarsteller. Sie agieren in ihren Rollen rundum überzeugend und bieten zahlreiche Identifikationsangebote für die jungen Zuschauer. Zoe Moore, die aus einer Filmemacherfamilie kommt und schon in etlichen Filmen vor der Kamera stand, spielt das Mädchen Nelly. Für den zwei Jahre älteren Emil Reinke als Max war es die erste Kinorolle, obwohl auch er schon Erfahrungen in der TV-
Serie „
Türkisch für Anfänger“ sammeln konnte.
Nellys Vater im Kreise seiner Musikband
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Was ist das Besondere an diesem Film?„Max Minsky und ich“ ist ein überaus gelungener deutscher Film über die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens und die Suche nach den eigenen Wurzeln, über
kulturelle, familiäre und auch sexuelle Identitätsfindung (Nelly entdeckt ihre Körperlichkeit als junges Mädchen und beginnt auf ihr Äußeres zu achten) sowie über Freundschaft und erste Liebe. Nelly und Max müssen sich, beide auf ihre Weise und mit ihren Möglichkeiten, mit den Anforderungen und Anfeindungen in ihrer Umgebung auseinander setzen. Beide entwickeln sich von einem im Film genüsslich persiflierten Klischee – die altkluge, strebsame Außenseiterin und der sportliche, intellektuell nicht interessierte Draufgänger – zu warmherzigen Jugendlichen, die lernen, den anderen zu akzeptieren und die sich auf diese Weise auch selbst verändern und weiterentwickeln. Beide stehen in einer schwierigen Beziehung zur Mutter, wobei Max alles daran setzt, seine Mutter vor den Kopf zu stoßen, während Nelly ständig darum bemüht ist,
Nellys Mutter und ihre Großtante Risa sind stolz auf Nelly
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ihre Mutter nicht zu enttäuschen. Ihre engste Vertraute, die sie tröstet, bevor sie durch Max den wahren Wert von Freundschaft erkennt und erlebt, ist ihre Großtante Risam. Sie ist eine Überlebende des
Holocaust, die mit zwei anderen eng befreundeten alten Damen in einem jüdischen Berliner Seniorenheim wohnt. Dies verweist noch einmal auf einen wichtigen Subtext, der den ganzen Film durchzieht. Er vermittelt jüdische Kultur und einen deutsch-
jüdischen Alltag in Berlin mehr als 60 Jahre nach dem Ende des
Nationalsozialismus. Denn über das Leben von jungen Juden im
Deutschland der Gegenwart gab es bislang kaum Jugendromane und noch weniger Spielfilme.
Thomas Werner