An einem verschneiten Weihnachtsabend liegt ein kleiner Junge hellwach im Bett. Seiner jüngeren Schwester hatte er tagsüber noch erzählt, dass es den Weihnachtsmann gar nicht gebe. Aber insgeheim hofft er doch, das Klingeln der Glöckchen am Schlitten des Weihnachtsmanns zu hören.
Staunend tritt der kleine Junge vor die Haustür
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Aber daraus wird nichts. Statt dessen ertönt plötzlich ein dröhnendes Geräusch und lässt das ganze Haus erzittern. Als der Junge verwundert aus dem Fenster schaut, steht mitten im Garten ein Eisenbahnzug mit einer riesigen Dampflokomotive. Nur mit Pantoffeln und Bademantel bekleidet, rennt er nach draußen. Der Schaffner fragt ihn, ob er mitkommen wolle, zum Nordpol natürlich, denn das sei der Polarexpress. Schon setzt sich der Zug wieder in Bewegung, als der Junge endlich aufspringt. Dann hält der Zug noch einmal im Armenviertel der Stadt. Dank des beherzten Eingreifens unseres kleinen, namenlosen Helden kann ein einsam wirkender Junge ebenfalls mitfahren. Dann geht es zusammen mit den anderen Kindern im Zug in rasanter Fahrt weiter. Wie bei der extremsten Achterbahnfahrt, die man sich nur denken kann, rast der Zug durch tief verschneite Landschaften, zwischen himmelhohen Bergen hindurch und über zugefrorene Gletscherseen Richtung Norden. Auf der abenteuerlichen Reise freundet sich der kleine Junge mit einem
Der kleine Junge lernt im Zugabteil das dunkelhäutige kleine Mädchen kennen
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dunkelhäutigen Mädchen an. Er lernt einen Landstreicher auf dem Dach des Zugs kennen, und übernimmt kurz einmal kurz die Rolle des Zugführers. Als die letzten Weihnachtsgeschenke verpackt werden, kommt der Polarexpress gerade noch rechtzeitig am Nordpol im Reich der Elfen an. Alle warten darauf, dass der Weihnachtsmann seinen großen Schlitten besteigen wird. Aber das ist noch nicht das Ende der Geschichte.
Wie ist der Film gemacht?Das 1985 veröffentlichte gleichnamige Kinderbuch von Chris Van Allsberg diente Regisseur Robert Zemeckis (u. a. "Forrest Gump" "Zurück in die Zukunft" und "Falsches Spiel mit Roger Rabbit") als Vorlage für seinen spannenden und lustigen Abenteuerfilm, der schon wegen seiner
innovativen technischen Umsetzung sehr sehenswert ist. Es ist ein ganz besonderer "Weihnachtsfilm".
Um die fantastischen Ölbild-
Illustrationen des Autors im Film adäquat umzusetzen,
Die Kinder auf dem riesigen Geschenksack des Weichnachtsmanns im Elfenreich
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nutzte Zemecki ein bereits bekanntes, aber nun weiterentwickeltes Verfahren. Damit lassen sich natürliche Bewegungsabläufe und menschliche Gefühlsregungen unmittelbar auf virtuelle, im Computer erzeugte Filmfiguren übertragen. Er nannte das verbesserte technische Verfahren, das sich als Bindeglied zwischen Realfilm und computergeneriertem Animationsfilm verstehen lässt und erstmals komplett bei einem Langfilm angewendet wurde, "Performance Capture". Reale Schauspieler agieren auf einer kleinen Bühne, die von elektronischen Kameras von allen Seiten erfasst wird. Die Darsteller sind mit einer Art Taucheranzug bekleidet und tragen auf ihrem Körper und im Gesicht Hunderte von reflektierenden Markierungspunkten. Die jeweilige Position dieser Markierungen wird im Computer in ein festes Koordinatensystem übertragen, das sich beliebig weiterverarbeiten und mit verschiedenen Oberflächen überziehen lässt. Mit einer virtuellen Kamera im Computer kann man dann jede erwünschte Kamerafahrt durch dieses dreidimensionale Koordinatensystem mit Figuren und Hintergründen simulieren. Auf diese Weise entstehen Bilderfolgen, die in der Realität nicht möglich sind: Bilder mit rasanten, vollkommen natürlich wirkenden Kamerafahrten direkt von der Nahaufnahme bis zur Vogelperspektive, die Kamera bewegt sich mal frei auf oder neben dem Zug oder auch unter ihm hinweg. Beim Zuschauer erzeugt das den Eindruck, unmittelbar am Geschehen teilzunehmen. Die rasanten Achterbahnfahrten erinnern an die 3D-
Simulationsanlagen auf vielen Volksfesten. Mit Hilfe der neuen Technik wirken die Gesichtszüge und Reaktionen der Figuren sehr lebensecht, gleichzeitig kann man aber ihr Aussehen und die Perspektive, aus der sie zu sehen sind, nach Belieben verändern. So kommt es, dass der bekannte Schauspieler Tom Hanks im Film gleichzeitig fünf Figuren
Der Schaffner des Polarexpress redet mit dem kleinen Jungen im Zugabteil
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"verkörpert", neben dem Vater des Jungen, dem Zugschaffner, dem Landstreicher und dem Weihnachtsmann auch den achtjährigen Jungen selbst. Hinter allen anderen Figuren stecken ebenfalls reale Schauspieler. Insgesamt gelingt es dem Film perfekt, den Bewusstseinszustand zwischen Wachheit und Schlaf, Traum und Realität, in seinen Bildern wie im gesamten Erzählstil zu treffen.
Was ist das Besondere an diesem Film?Unabhängig davon, ob man nun an den Weihnachtsmann glauben möchte oder nicht, vermittelt der Film etwas vom "Geist" und der besonderen Bedeutung des Weihnachtsfestes. Freundschaft, Selbstlosigkeit und Einfühlungsvermögen in die Probleme und Gefühle
Der kleine Junge und das kleine Mädchen kümmern sich um den armen Jungen
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anderer Menschen werden als
Werte propagiert. Diese Wertevermittlung ist abgekoppelt von der ursprünglichen
christlichen Botschaft, aber auch entfernt von verlogener Harmonie und der bloßen Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes. Auf diese Weise möchte der Film wohl den besonderen Zauber dieses christlichen Festes auch für andere
Kulturen und Religionen nachvollziehbar machen. Neben besinnlichen Weihnachtsklängen sind bei der Weihnachtsparty der Elfen sogar zünftige Rockklänge zu hören. Während jüngeren Zuschauern der besondere Zauber des Weihnachtsfestes nicht genommen wird, dürften sich Ältere eher durch die Metaphorik der Geschichte angesprochen oder an einigen Stellen auch irritiert fühlen, etwa bei der Inszenierung einiger Szenen im Elfenreich im Stil von "Metropolis" und "1984". Viel wichtiger für die jungen Zuschauer ist allerdings, dass jede der kindlichen Filmfiguren auf der Selbsterfahrungs-
Reise zum Nordpol etwas lernt.
Der Weihnachtsmann übergibt dem kleinen Jungen ein besonderes Geschenk
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Das dunkelhäutige Mädchen etwa entdeckt ihr Talent, andere zu begeistern und sie zu führen, ein altkluger Junge lernt Bescheidenheit, der einsame Junge das Vertrauen in andere und die kindliche Hauptfigur, wie wichtig es im Leben ist, Mut zu haben und seinen Glauben auch an Wunder nicht zu verlieren. Gleich bei Antritt der Zugfahrt gibt der Schaffner ihm den guten Ratschlag: "Wo der Zug (des Lebens) hinfährt, spielt keine Rolle, wichtig ist nur, dass man einsteigt." Es lohnt sich also, in den "Polarexpress" von Robert Zemeckis einzusteigen, selbst wenn die perfekteste Computeranimation reale Menschen aus Fleisch und Blut nicht ersetzen kann.
Thomas Werner