Regie: Gernot Roll, nach den gleichnamigen Kinderbüchern von Otfried Preußler
Deutschland 2005, 94 Min.
Altersfreigabe der FSK: o. A.
Seppel und Kasperl mit Wunschring und Gimpel im Käfig
Constantin Filmverleih
Der gemeine Räuber Hotzenplotz treibt in einem kleinen Dorf sein Unwesen. So stiehlt er auch die geliebte Kaffeemühle der Großmutter von Kasperl und Seppel. Während der trottelige Wachtmeister Dimpfelmoser sich von der
staatlich geprüften Hellseherin Portiunkula Schlotterbeck zunächst Hilfe bei der Ergreifung des Bösewichts erhofft, haben die beiden Jungen bereits einen Plan ausgearbeitet. Sie wollen Hotzenplotz mit einer Holzkiste ködern, auf der "Vorsicht Gold" geschrieben steht. An der Unterseite hat sie ein Loch, aus der Sand rieselt, wenn der Räuber die Kiste entwendet und in seine Höhle schleppt. Um sich bei ihrer Aktion zu tarnen, vertauschen Kasperl und Seppel ihre Hüte.
Kasperl serviert dem Zauberer Zwackelmann einen Kartoffelsalat
Constantin Filmverleih
Hotzenplotz freilich entdeckt die Sandspur und stellt den Kindern eine Falle. Unversehens finden sie sich als
Gefangene in der Räuberhöhle wieder. Hotzenplotz, der den Seppel für den klugen Kasperl hält, lässt ihn schwer schuften. Den echten Kasperl hingegen verkauft er als dummen Seppel an den bösen Zauberer Zwackelmann. Dieser möchte einen möglichst einfältigen Diener, der ihm keine Probleme bereitet und täglich die Kartoffeln schält. Denn in dieser Hinsicht haben die Zauberkünste des kartoffelsüchtigen Magiers bisher immer versagt.
Kasperl und Seppel finden die Nachricht, dass die Großmutter entführt wurde
Constantin Filmverleih
Als Zwackelmann am nächsten Tag verreist und Kasperl allein zurücklässt, hört dieser seltsame Geräusche aus den Tiefen des Schlosskellers. Er entdeckt eine sprechende Unke, die sich als Fee Amaryllis zu erkennen gibt. Um wieder ihre wahre Gestalt annehmen zu können, benötigt sie ein Feenkraut. Kaum zurück, entdeckt Zwackelmann, dass Kasperl verschwunden ist. Weil er ihn für den Seppel hält, zaubert er auch nur den echten Seppel herbei. Voller Wut verwandelt Zwackelmann daher den Räuber Hotzenplotz, den er für dieses Missgeschick verantwortlich macht, in einen Gimpel. Kasperl kann die Fee in der kommenden Nacht retten. Zum Dank schenkt sie den beiden Freunden einen goldenen Ring, der ihnen drei Wünsche erfüllt. Zwei dieser Wünsche gehen verloren, um Wachtmeister Dimpfelmoser zu überzeugen, dass es sich bei dem Gimpel im Käfig wirklich um den gefährlichen Räuber handelt. Der dritte verwandelt Hotzenplotz viel zu früh erneut in seine menschliche Gestalt zurück, sodass es ihm gelingt, Wachtmeister Dimpfelmoser zu überwältigen. In dessen Uniform entführt Hotzenplotz die Großmutter und nimmt später Kasperl und Seppel erneut gefangen. Nun kann selbst die gute Fee Amaryllis nicht mehr helfen, wären da nicht Frau Schlotterbeck mit ihrem Hund Wasti und die Sache mit den Knallpilzen.
Wie ist der Film gemacht?
Seppel kostet die leckere Pilzsuppe
Constantin Filmverleih
Die drei Hotzenplotz-
Kinderbücher des bekannten Autoren Otfried Preußler haben mit ihren skurrilen Charakteren und ihrer ungehemmten Fabulierfreude die Fantasie mehrerer
Generationen von Kindern angeregt. Sie wurden in 34 Sprachen übersetzt und 6,5 Mio. Mal verkauft. Ulrich Limmer, der Produzent der "Sams"-
Filme und der auch als Kameramann tätige Regisseur Gernot Roll wagten sich an eine Realfilmversion dieses Stoffes. Dies ist nicht ohne Risiko, weil etwa im Gegensatz zu den "Sams"-
Geschichten hier der Realitätsbezug zur normalen Alltagswelt der Kinder weitgehend fehlt. Es handelt sich um eine Art Kasperletheater, nur eben mit echten Darstellern. Im Film wird das zu Beginn in einem Vorspann deutlich, der als Marionettenspiel gestaltet ist. Von dieser zweidimensionalen Erzählform, bei der die Zuschauer starr vor einer Bühne sitzen, löst sich der Film sehr schnell und glänzt mit durchdachtem Bildaufbau, Kamerafahrten sowie ungewöhnlichen Perspektiven, die den Zuschauer quasi mitten in dieses Kasperletheater hineinziehen. Auch tricktechnisch hat der Film einiges zu bieten, vom fliegenden Teppich des Zauberers bis zur Verwandlung der Unke in die Fee Amaryllis. Eine laufende Hand erinnert unmittelbar an die "Adams Family" und Frau Schlotterbecks Hund Wasti läuft nach einem fehlgeschlagenen Experiment seiner Herrin mit einem Krokodilskopf wie selbstverständlich durch die realen Naturkulissen. Optische Gags unterstützen Humor und Charakterzeichnung der Geschichte, die sich bis ins Details eng an die Buchvorlage hält. Was dort fantasievoll beschrieben ist, wirkt in der Realfilmversion noch ein Stück absurder und überdrehter, für Kinder damit aber auch amüsanter. Von den beiden Kinderdarstellern überzeugt vor allem der kleine Manuel Steitz in der Rolle des gutmütigen und naiven Seppel. Die Erwachsenenrollen sind gut besetzt und gespielt, haben ihre Rollen zugleich alle wie große Kinder angelegt. Was in der Buchvorlage noch uneingeschränkt funktioniert, wirkt im Film aber teilweise überzogen und zu sehr dem Ehrgeiz der Darsteller verpflichtet. Manchmal wäre es besser gewesen, wenn sie sich etwas mehr zurückgenommen hätten, statt ihre Figuren noch weiter auf die Spitze zu treiben. Armin Rohde als Räuber Hotzenplotz gibt am Ende des Films gar ein eigens für ihn komponiertes Lied zum Besten.
Was ist das Besondere an diesem Film?
Räuber Hotzenplotz freut sich über Großmutters Kaffeemühle
Constantin Filmverleih
Insgesamt handelt es sich um die sehenswerte Literaturverfilmung eines Kinderbuchs, das die kindliche Fantasie unmittelbar anspricht. Mit der Realverfilmung geht womöglich etwas verloren, das Bücher besonders auszeichnet: ein Mitfühlen mit den Figuren und ihrem Schicksal sowie die Fantasie, diese Figuren individuell auszuschmücken, ohne das an bekannten Schauspielern festzumachen. Nun sind die wenig lebensechten Figuren untrennbar mit dem verbunden, was die Darsteller aus ihren Rollen gemacht haben, beispielsweise der bekannte Komiker Piet Klocke mit seinem unverwechselbaren Sprachduktus aus Wachtmeister Dimpfelmoser. Solche Koppelungen ergeben sich freilich auch bei anderen Literaturverfilmungen.
Fee Amaryllis probiert in der Räuberhöhle zu zaubern
Constantin Filmverleih
Das handwerklich hohe Niveau und die gelungene Umsetzung des Stoffs mit filmischen Mitteln gleichen das Manko aus. In erster Linie ist dieser "Räuber" unterhaltsam, der Film macht Spaß und am meisten wohl den jüngeren Kindern, nicht zuletzt weil sie hier uneingeschränkt über die komischen Erwachsenen lachen können. Das schließt unterhaltsame Anspielungen auch für die Erwachsenen nicht aus, etwa wenn Frau Schlotterbeck gegenüber Herrn Dimpfelmoser äußert: "Eine Amtsperson denkt nicht", oder wenn die Fee in der Küche des Räubers plötzlich nicht zaubern kann, was sich als nette Anspielung auf traditionelle Rollenklischees interpretieren lässt.
Thomas Werner