Die Toskana im Sommer 1971. Noch tollt der zehnjährige Mirco draußen unbeschwert mit seinen Freunden herum. Seine Neugier wird ihm zum Verhängnis: Als er das über dem Küchenschrank hängende Jagdgewehr seines Vaters in die Hände nehmen möchte, kippt der Stuhl, ein Schuss löst sich und trifft Mirco mitten ins Gesicht. Er verliert weitgehend sein Augenlicht, kann bis auf verschwommene Umrisse nichts mehr sehen. Damals
Francesca beobachtet Mirco vom Fenster aus
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bedeutete das nach
italienischem Schulgesetz die Überstellung in eine Blindenschule. Mirco muss von seinen Eltern und den Schulkameraden Abschied nehmen.
Das von der Kirche betriebene Blindeninternat Cassoni in Genua wird von einem verbitterten Direktor geleitet, der den Kindern jeden individuellen Freiraum und jede kreative Beschäftigung missgönnt. Gleich am ersten Tag legt sich Mirco mit seinem Mitschüler Valerio an, der im Internat den Ton angibt. Im gutmütigen Felice findet er aber auch den ersten Freund und in Francesca, der Tochter der Hausverwalterin, eine gute Freundin. Ein Hörbild im Radio über Melvilles Abenteuerroman "Moby Dick" inspiriert ihn, eine Hausaufgabe über die Jahreszeiten als Toncollage herzustellen. Zu diesem Zweck entwendet er das Tonbandgerät der Schule und ein bespieltes Unterrichtsband. Dafür wird er vom Direktor hart bestraft. Don Guilio, ein wirklich auf das Wohl der Kinder bedachter Lehrer, erkennt jedoch Mircos außergewöhnliches Talent und schenkt ihm ein Tonbandgerät unter der Bedingung, dass sich der Junge nicht länger weigert,
Brave Schüler in der Aula der Blindenschule
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die Blindenschrift Braille zu erlernen. Zusammen mit Francesca und Klassenkameraden, die er für seine Idee begeistert, macht sich Mirco nun an die Vertonung eines Märchenstücks. Der Direktor verweist ihn daraufhin von der Schule. In Don Giulio findet er jedoch einen starken Fürsprecher und in einigen Studenten, die gegen den restriktiven pädagogischen Erziehungsstil des Direktors öffentlich protestieren, wichtige Verbündete. In Anwesenheit der eingeladenen Eltern der Schüler wird das Stück auf einer Schulfeier aufgeführt. Diese erkennen nun buchstäblich mit verbundenen Augen, dass in ihren Kindern weitaus mehr Potenzial schlummert, als ihnen in jenen Jahren allgemein zugetraut wurde.
Wie ist der Film gemacht?"Rot wie der Himmel" heißt der Film nach einer Beschreibung der Farben, die Mirco für seinen von Geburt an blinden Freund Felice gibt. Er entstand nach den Kindheitserinnerungen von Mirco Mencacci, der im Alter von zehn Jahren sein Augenlicht verlor und später einer der bekanntesten Tontechniker des italienischen Films wurde. Der Film von Cristiano Bortone ist in seinen Bildern ruhig und sensibel inszeniert, weitgehend aus der Sicht der Kinder erzählt. Als sich beispielsweise Mirco unter dem Bett versteckt, um der Strafe des Direktors zu entgehen, ist die Kamera unmittelbar bei ihm am Boden. Sie bleibt auch dort, als Schritte und die Stimme von Don Guilio zu hören sind, der Mirco ein Geschenk macht und einen Handel vorschlägt.
Mirco und Felice mit dem Tonbandgerät auf Geräusche-Suche
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Eine subjektive Kamera zeigt mehrfach Mircos eigene Wahrnehmung seiner
Umwelt in stark verschwommenen Bildern, etwa wenn er seine Eltern aus dem Fenster beim Abschied beobachtet und sie für ihn nur schemenhaft durch ihre Bewegung zu erkennen sind. Im Gegenschnitt zu ihnen werden die unterschiedlichen Wahrnehmungsformen zwischen Sehenden und Blinden besonders deutlich. An anderer Stelle relativiert sich das gängige
Vorurteil, das Kino wäre nichts für Blinde. Bei einem heimlichen Kinobesuch, den Mirco mit seinen Freunden und Francesca unternimmt, entdecken die blinden Kinder gerade im Kino ein Stück
Freiheit und Lebensfreude wieder. Schließlich wird auf der akustischen Ebene für Kinder besonders anschaulich die eigenständige Sinnesqualität des Tons vermittelt. Mircos fantasievoller Umgang mit Tönen und Geräuschen, sein Talent, unscheinbaren Gegenständen des Alltags überraschend naturechte Geräusche zu entlocken und bestimmte Assoziationen und Gefühle hervorzurufen, gibt Anlass zum Schmunzeln und Staunen. Und wenn die Kinder auf diese Weise ein ganzes Märchen intonieren, ist dies sehr beeindruckend. Lediglich der Protest der Studenten und der Stahlarbeiter des Ortes gegen den unnachgiebigen Direktor wirkt in diesem ansonsten rundum liebenswerten Film etwas aufgesetzt. Jedoch wird über den konkreten Fall hinaus der Blick ein wenig auf den Zeitgeist der 60er und 70er Jahre, den
gesellschaftlichen Hintergrund und die Schulpolitik geöffnet, die blinden Schülern erst 1975, also vier Jahre nach den geschilderten Ereignissen, die Teilnahme an "normalen" Schulen gestattete.
Eltern und ihre Kinder mit verbundenen Augen bei der Schulaufführung
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Was ist das Besondere an diesem Film?Zunächst einmal ist es eine unspektakuläre, allgemein nachvollziehbare Geschichte über Freundschaften: die zwischen Mirco und Felice, aber auch die zwischen der sehenden Francesca und dem stark sehbehinderten Mirco, die sich in der Beziehung zwischen einem blinden Studenten und seiner Freundin spiegelt und darauf verweist, dass solche Beziehungen keineswegs ein Einzelfall sind.
So wichtig gerade in unserer visuell geprägten Zeit das Sehen und die Bilder auch sein mögen, verdeutlicht der Film auf faszinierende Weise, dass der Mensch seine Umwelt nicht nur über den Sehsinn wahrnimmt, sondern auch andere Sinne wie der Hörsinn, der Tastsinn oder der Geruchssinn ihre besonderen Qualitäten haben. Und er zeigt, dass jeder Mensch besondere Fähigkeiten hat, aber das Glück und vor allem den Mut haben muss, diese auch weiter zu entwickeln und sie gegen äußere Widerstände
Die Schüler im Ritterkampf mit Utensilien aus der Internatsküche
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zu bewahren. Exemplarisch steht der Direktor der Schule für eine Weltsicht, die den "behinderten" Menschen keine Chancen einräumt und sie zu bloßen Opfern des Schicksals macht, während Don Giulio als sein erwachsener Gegenspieler die Kinder in ihren Entwicklungsmöglichkeiten fördert und auf die Kraft ihrer Fantasie setzt, statt diese systematisch zu zerstören. In filmpädagogischer Hinsicht setzt der Film besondere Akzente, verdeutlicht das wichtige Zusammenspiel von Ton beziehungsweise Geräuschen und Bildern für das Erlebnis Kino und schafft einen lustvollen Zugang zur oftmals im Verborgenen bleibenden Kunst des sinnlichen und sinnhaften Geräuschemachens.
Thomas Werner