Der Schuldirektor zieht Frits an den Ohren
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Es ist das Jahr 1969, irgendwo in einer kleinen ländlichen
Gemeinde in
Dänemark. Auch dort gibt es erste Anzeichen für einen
gesellschaftlichen Umbruch, der die westlich geprägte Welt des zu Ende gehenden Jahrzehnts erfasst hat. Die Jugend
rebelliert nicht nur allein mit Rock’n’Roll und langen Haaren, auch alte Erziehungsmethoden werden in Frage gestellt, die Anti-
Atomwaffenbewegung findet großen Zulauf und in den
USA predigt bis zu seiner Ermordung im April 1968 der schwarze Bürgerrechtler Dr.
Martin Luther King den gewaltfreien
Widerstand gegen die Ungleichbehandlung der Schwarzen durch die Weißen. Der 13-
jährige Frits, Sohn eines Bauern und einer Krankenschwester, erfährt von alledem im Fernsehen, als sich die
Familie zur Ablenkung ein Schwarzweiß-
Gerät nach dem Nervenzusammenbruch des Vaters zulegt. Gespannt verfolgt der Junge die Sendungen und nimmt sich Martin Luther King zu seinem großen Vorbild.
Nach den Sommerferien kommt Frits in die Schule des Direktors Lindum Svendsen, der wegen seiner körperlichen Züchtigungsmethoden bei den Kindern verhasst ist. Fast jeder dort hat schon Bekanntschaft mit den so schmerzhaften wie zweifelhaften Erziehungsmethoden des Direktors gemacht, viele Kinder mit Billigung der Eltern. Als Frits wegen einer kleinen Dummheit vom Schulleiter schwer misshandelt wird, schließt er sich mit stark blutendem Ohr in die Toilette ein. Dort entdeckt ihn der Junglehrer Freddie Svale, der in der Schule gerade seine Probezeit angetreten hat.
Frits entdeckt in Freddies Plattensammlung die Reden von Martin Luther King
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Der unkonventionelle und liebevolle Lehrer, der Dänisch und Musik unterrichtet, freundet sich schnell mit Frits an und überzeugt dessen Eltern, gegen den Schuldirektor eine Untersuchung anzustrengen. Dieser versucht nun mit allen Mitteln, gegen Frits und seine Familie vorzugehen. Die Mutter verliert ihre Stelle, Frits wird der persönlichen "Nachhilfe" des Direktors unterstellt und Lehrer Freddie psychisch unter Druck gesetzt, um nicht als Zeuge der Gegenseite aufzutreten. Doch Frits, der seinen Vornamen nach seinem Vorbild in Martin umbenannt hat, gibt um der
Gerechtigkeit und seiner Ideale willen nicht auf.
Wie ist der Film gemacht?Im Abspann des Films ist zu lesen, dass er "nach wahren Begebenheiten" gedreht wurde. Regisseur Niels Arden Oplev, der das Jahr 1969 auch persönlich als stark prägend empfand, hat darin seine eigenen Jugenderinnerungen künstlerisch verarbeitet und die Aufbruchstimmung jener Jahre für heutige
Generationen anschaulich gemacht. In diesem Film ist alles von sommerlichem Licht durchflutet, die Farben wirken freundlich und hell, was trotz der dramatischen Ereignisse eine optimistische Grundstimmung vermittelt und insbesondere jüngeren Kindern den Schrecken nimmt. Die Hauptfiguren sind im besten Sinn des Wortes ins rechte Licht getaucht, was die Identifikation mit ihnen erleichtert. Nur einmal, in einer ganz kurzen Szene, als Frits nach der erneuten Einlieferung des Vaters in die Psychiatrie verzweifelt, kommt albtraumhaft und in Zeitlupe eine Pferdekutsche ins Bild.
Frits mit der ganzen Familie auf dem Weg ins Dorf
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Sie transportiert einen Sarg und die Farben wirken plötzlich dunkel und ohne Lichtakzente. Die Gefühlswelt von Frits erschließt sich in einprägsamen und intensiv wirkenden Bildern, etwa wenn gleich zu Beginn des Films der Vater einen Nervenzusammenbruch erleidet und der traurige Sohn auf dem Dachboden auf einer Schaukel sitzend im Bildvordergrund mehrfach nachdenklich ins Bild schwingt. Später, nach einem ersten Erfolg gegen den Schuldirektor, sieht man ihn voller Freude die Dünen hinunter ins Meer rennen und im Wasser tanzen. Und wenn er seinen durch die Schläge des Direktors malträtierten Kopf von einem Steg herab ins Bachwasser hält, filmt die Kamera dies aus subjektiver Untersicht in Höhe des Wasserlaufs. Von glänzenden Schauspielern getragen, lebt der Film vor allem durch seine Emotionen. Sie gipfeln in einer Szene, in der die Mädchen und Jungen beim Schulfest zum Unbehagen des Direktors gemeinsam "We shall overcome some day" singen, ein Lied, das damals für die Hoffnung der Schwarzen stand, eines Tages ihre Unterdrückung überwinden zu können. Diese Szene steht zugleich für die beginnende Solidarisierung in der Klasse. Da mag es zunächst befremden, dass die Kinder nach der verkündeten Nachricht vom Tod des Schuldirektors allesamt in Jubel ausbrechen, was wohl kaum den Idealen eines Martin Luther King entspricht. Aufgrund der gewalttätigen Atmosphäre und der Bedrohungssituation in der Schule ist diese Szene aber verständlich. Sie vermittelt eindrücklich, dass alle Kinder sich unisono und spontan von einer lange währenden Unterdrückung befreit fühlen.
Frits macht einen Freudensprung, als der Direktor sich rechtfertigen muss
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Was ist das Besondere an diesem Film?Die eigentliche
Botschaft des Films liegt aber nicht in spontanen Gefühlsausbrüchen, sondern im
solidarischen Handeln und das verdichtet sich in einer anderen Szene, die dem Filmklassiker "Der Club der toten Dichter" von Peter Weir nachempfunden ist. Was Dr. Martin Luther King im großen
politischen Maßstab gelang, verwirklicht Frits mit beispielhafter innerer Stärke in seinem familiären und dörflichen Umfeld. Er wächst im Widerstand gegen Ignoranz und Ungerechtigkeit über sich selbst hinaus, womit sich auch das Verhältnis zwischen dem Schüler und seinem Lehrer kurzfristig umkehrt, aber auch das zwischen ihm und seinem Vater, um den er sich rührend kümmert.
Es soll Pädagogen geben, die auch heute noch ihre Probleme haben, Kinder als den Erwachsenen ebenbürtig zu sehen, genauso wie es beispielsweise immer noch zu viele Eltern gibt, die glauben, "ein paar Prügel" hätten noch keinem Kind geschadet. Die
Frits und Iben lauschen heimlich der Untersuchung gegen den Direktor
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Erziehungsmethoden eines Lindum Svendsen sind aus heutiger Sicht zum Glück überholt. Den Kleinstadtmief einer Gemeinde, die lieber wegsieht und
Konflikte unter den Teppich kehrt, als alte Seilschaften und soziale Machtansprüche in Frage zu stellen, gibt es freilich auch heute noch. Die Figur des schwarzen Bürgerrechtlers und Theologen Martin Luther King ist bereits historisch,
Zivilcourage hingegen ist auch heute gefragt. Und Frits wird damit zum Vorbild für die Zuschauer, sich zu engagieren und für mehr Gerechtigkeit einzusetzen.
Dänemarks erfolgreichster Kinofilm des Jahres 2006 hat zahlreiche internationale Filmpreise erhalten, darunter den Gläsernen Bären auf dem Kinderfilmfest der Internationalen Filmfestspiele
Berlin 2006.
Thomas Werner