Regie: Niki Caro, nach dem Roman "The Whale Rider" von Witi Ihimaera
Paikea, der Walreiter, gilt bei den Maoris eines kleinen Küstenortes in Neuseeland als Stammesvater, der vor über tausend Jahren den Ort gegründet haben soll. Der Legende nach wurde er von einem Wal gerettet, nachdem sein Kanu gekentert war. Seit jener Zeit darf der männliche Erstgeborene seiner Nachfahren aus jeder
Generation den Titel des Walreiters tragen. Die Tradition scheint gebrochen, als der vorgesehene Erbe bei der Geburt zusammen mit seiner Mutter stirbt. Nur Pai, die Zwillingsschwester überlebt. Voller Gram wandert der Vater nach
Deutschland aus. Pai wird von ihren Großeltern, Häuptling Koro und seiner Frau Flowers, aufgezogen. Während Flowers nie daran zweifelt, dass Pai die legitime Nachfolgerin der Stammeslinie ist, tut sich Koro zunächst schwer und kann seine
Vorurteile gegen ein Mädchen in dieser Position nicht überwinden. Stattdessen sucht er unter den elf-
bis zwölfjährigen Jungen einen würdigen Nachfolger, der den Stamm im Sinne der Tradition
repräsentieren kann. Er unterrichtet die Jungen in den alten Stammesritualen und schließt Pai ganz davon aus. Sie findet aber in ihrem Onkel einen neuen Verbündeten, der ihr heimlich die alten Kampftechniken beibringt. Kurz darauf strandet eine Herde von Walen an der Küste, die Pai in ihrer Verzweiflung mit traditionellen Gesängen angelockt hatte. Koro interpretiert dies als böses Omen und betrachtet das weitere Schicksal des Stammes für besiegelt. Nur der legitime Nachfolger des Walreiters könnte die Wale und den Stamm noch retten ...
Wie ist der Film gemacht?Die Neuseeländerin Niki Caro hat ihren ergreifenden Film nach dem auch in Deutschland erschienenen gleichnamigen Roman des in New York lebenden Maori-
Schriftstellers Witi Ihimaera gedreht. Als Ihimaera einmal einen Wal sah, der sich in den Hudson River verirrte hatte, erinnerte er sich an die Mythen seiner Heimat. Daraufhin schrieb er
seinen Roman, der ganz bewusst ein Mädchen als Heldin und positive Identifikationsfigur in den Mittelpunkt stellt. Denn seine beiden Töchter hatten sich mehrfach darüber beklagt, dass in den meisten
amerikanischen Actionfilme immer nur die Jungen die Helden seien. Optisch verstärkt Niki Caro diese Grundkonstellation des starken Mädchens noch, indem sie Pai in vielen sehr behutsam geführten Großaufnahmen zeigt, so dass ihre Gefühlsregungen, ihr Stolz und ihre Verletzbarkeit deutlich zum Ausdruck kommen. Im Kontrast dazu stehen grandiose Landschaftsaufnahmen, die in der Übersicht (Totale) oder Halbtotale (die Kamera geht etwas näher ran, ohne bereits einzelne Menschen herauszulösen) gezeigt werden. Der Film wurde an den Originalschauplätzen der Legende gedreht, um die Geschichte so authentisch wie möglich zu gestalten. Die schweifenden Kamerablicke über die Landschaft erzeugen zusammen mit den dramatischen Bildern von der Strandung der Wale den Eindruck, dass die individuelle Geschichte von Pai(kea) in einen größeren Zusammenhang -
dem Leben im Einklang mit der Natur und den Geistern der Vorfahren -
eingebettet ist. Das größte Plus des Films ist allerdings die Hauptdarstellerin der Pai selbst. Keisha Castle-
Hughes hatte noch nie zuvor in einem Film mitgewirkt und wurde beim Casting aus über 10.000 Bewerberinnen ausgesucht. In einer bemerkenswerten Mischung aus Sensibilität, Zerbrechlichkeit und innerer Stärke spielt sie ihre Rolle, die von ihr die Verkörperung innerer Reife und Führungsqualitäten abverlangt. Sie spielt mit einer Selbstverständlichkeit, die bei Kindern ihres Alters selten anzutreffen ist. Analog dazu vermeidet es die Inszenierung, sie als starke Heldin künstlich zu überhöhen. So nimmt sie die Auseinandersetzung mit den Jungen ihres Altes nicht aus persönlichem Ehrgeiz auf, sondern scheint ganz ihrer inneren Berufung zu folgen und man nimmt ihr das auch ab.
Was ist das Besondere an diesem Film?Obwohl die Geschichte vor dem mythischen Hintergrund der Maori-
Traditionen spielt und ihre fast schon mystische Verwobenheit mit der Natur widerspiegelt, ist die Geschichte selbst sehr universell. Sowohl der angesprochene
Generationenkonflikt wie die verzweifelte Suche des Mädchens nach Liebe, Anerkennung und Identität in einer (noch) überwiegend von Männern bestimmten
Gesellschaft sind überall auf der Welt nachvollziehbar und bieten Jung und Alt genügend Anknüpfungspunkte. Insbesondere für Mädchen ist Pai eine starke Identifikationsfigur, weil es ihr gelingt, aus einem überkommenen Rollenverhalten auszubrechen. Ihr neues Rollenverstehen -
und das ist für westliche Emanzipationsgeschichten keineswegs selbstverständlich -
schlägt sogar eine Brücke zu den Traditionen der Vorfahren. Selten auch im deutschen Kino, dass Kinder die spannende Gelegenheit erhalten, von unserer
Kultur stark abweichende, fremde Traditionen und Glaubensvorstellungen kennen zu lernen. Der sehr bewegende Film hat bereits mehrere internationale Publikumspreise gewonnen, enthält aber auch Szenen, in denen kindliche Urängste des Verlassenseins und der Verzweiflung angesprochen werden. Daher sollten besonders jüngere Kinder diesen Film am besten in Begleitung von Erwachsenen sehen. Beide Generationen werden auf ihre Kosten kommen und es nicht bereuen.
Thomas Werner