Merle und Phillip kommen von der Schule nach Hause. Mama hat Pfannkuchen gemacht. Beim Mittagessen erzählt Phillip seiner Mutter von dem Mathetest, den er wahrscheinlich verhauen hat. Merle verdreht die Augen: „Du bist selbst Schuld, wenn du immer nur auf deinen blöden Gameboy starrst. Der erzählt dir nix von Gleichungen. Selber Schuld!“ Und prompt legt sie der Mutter ihren Test vor. „Sehr gut“ steht drauf. „Streberin“, mault Phillip.
Am Tisch berichtet Merle von ihrer neuen Klassenkameradin Marie. Die ist schon zwei Jahre älter als sie. Heute Nachmittag sind die beiden verabredet, Merle freut sich schon. Nach den Hausaufgaben macht sie sich auf den Weg in die Bergstraße. Sie klingelt und der Vater von Marie öffnet die Tür. „Falls ihr irgendwas braucht, sagt nur eben Bescheid“, ruft er den beiden hinterher als sie nach oben verschwinden.
Im Zimmer bekundet Merle Marie offen ihren Neid: „Du hast es gut. Dein Vater hat Urlaub. Mein Papa ist nur ganz selten zu Hause.“ Marie schmunzelt: „Ne. Mein Vater ist Hausmann. Der ist immer zu Hause.“ „Und wo ist deine Mutter?“ fragt Merle. „Na, die ist arbeiten, sie hat einen ziemlich coolen Job. Ich weiß, dass kommt nicht so oft vor, aber meine Eltern haben sich so entschieden.“ Merle stutzt ein bisschen: „Mama sagt immer, dass der Papa viel mehr Geld verdient hat als sie und er deshalb arbeiten geht. Damit wir in unserem Haus wohnen können.“ Marie lacht. „Das stimmt. Eigentlich ist das auch so. Frauen verdienen oft weniger als Männer, aber bei meinen Eltern war’s umgekehrt. Meine Mutter ist Kommissarin und mein Vater hat gar nicht zu Ende studiert.“
Als Maries Vater mit der Limo in ihr Zimmer kommt, fragt sie ihn: „Können Sie denn auch kochen? Und machen Sie auch die Wäsche? Ich glaube, mein Papa weiß nicht einmal, wie die Maschine angeht!“ Der Vater lacht: „So sieht das wohl noch in vielen Haushalten aus. Aber wer weiß? In eurer
Generation ist die
Gleichberechtigung schon viel selbstverständlicher. Das braucht eben seine Zeit.“ Das findet Merle echt spannend. So einen Mann will sie später auch. Schließlich hat sie große berufliche Pläne. Astronautin oder Ärztin oder in die
Politik? Auf jeden Fall nichts mit Büro. Aber das hat ja noch Zeit.
Wieder zu Hause denkt sie noch einmal darüber nach: Fast alle ihrer Freundinnen haben Mütter, die entweder zu Hause sind oder nur ein paar Stunden arbeiten, damit sie sich nachmittags um ihre Kinder kümmern können. Und wenn sie es sich genau überlegt, dann sprechen sie im Unterricht auch immer nur von großen Männern und deren Leistungen, kaum einmal, dass eine Frau erwähnt wird.
Bis vor einigen Tagen fand sie das noch ganz normal, inzwischen ist sie davon nicht mehr überzeugt. Klar. Ihr doofer Bruder meint bestimmt, das müsste auch nicht geändert werden. Aber Merle kann sich nun wirklich nicht vorstellen, dass Phillip mit seinen Schulnoten auch noch ein großer Wirtschaftsboss werden soll… Vielleicht geht sie doch in die Politik. Und dann will sie sich unbedingt für mehr Gleichbehandlung einsetzen.
Artikel 3 des Grundgesetzes(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.
(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden. Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden.