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Spezial

Wahlgrundsätze
4. Der alte Mann und die Zwillingsseelen - "gleich"

von
Wahlgrundsatz - Gleich wird mit einer Illustration ergänzt: Auf einer Waage stehen auf beiden Seiten je eine person - einmal eine kleine Person mit einem Stift, auf dem anderen Sockel ein Mann, der viele Stifte festhält.

Henry und Luis - wie Pech und Schwefel

Henry und Luis waren wie Zwillingsseelen. Seit dem ersten Tag im Kindergarten, vor etwa acht Jahren, hielten sie zusammen wie Pech und Schwefel. Mit Leidenschaft sammelten sie kleine Insekten in selbst gemachten Behältern und beobachteten die Krabbelviecher. Sie kletterten beide auf die höchsten Bäume im großen Garten von Henrys Eltern und spielten in jeder freien Minute Fußball. Im Winter langweilten sie sich manchmal auch und wussten nicht so recht etwas mit sich anzufangen. „Hörspiele hören?“ „Nö.“ „Mit Legos spielen?“ „Och, nicht schon wieder.“ „Puzzles legen?“ „Keine Lust.“ Wenn Luis Mama alles abgefragt hatte, dann machte sie immer einen Vorschlag, der garantiert ankam: Geht doch zu dem alten Herrn Schneider, der freut sich, wenn er euch sieht.

Fast hundert und noch ganz schön fit

Herr Schneider wohnte in einem Nachbarhaus von Luis, eigentlich eher ein Häuschen, so klein war sein Reich. Oft saß er auf einer Bank in seinem Garten unter den alten Obstbäumen und rauchte eine Zigarre. Manchmal kam seine Tochter, die für ihn eingekauft hatte, und setzte sich zu ihm. Bei der Gelegenheit hatte sie vor ein paar Jahren die beiden Jungs heran gewunken: „Hey, ihr zwei. Setzt euch doch. Mein Vater freut sich immer über ein bisschen Gesellschaft.“ Erst wussten Henry und Luis nicht so recht. Nachdem die Tochter aber mit zwei großen Limogläsern ankam, setzten sie sich einfach mit auf die Bank. Seit diesem Tag gehen die beiden regelmäßig zum alten Schneider, wie sie ihn nannten. Luis schätzte, dass er schon mindestens hundertzwanzig Jahre alt war, seine Mutter meinte, eher so neunzig - aber fit wie ein Turnschuh, wie sie immer betonte.

Luis Vater ärgert sich

Im Winter, wenn die Tage kurz wurden, saß der alte Schneider in seinem kleinen Haus vor dem Holzkohleofen. In seinem Schaukelstuhl wippte er hin und her und las ein Buch. Sehen konnte er noch gut, nur mit dem Laufen haperte es. Wenn dann Henry und Luis in seiner Tür standen, freute sich der alte Mann und setzte direkt einen Tee auf. Sie erzählten sich so dies und das, fantasierten sich Erlebnisse zusammen und manchmal kamen erstaunliche Dinge dabei rum.
Neulich, als sie alle in Herrn Schneiders Wohnzimmer saßen, berichtete Luis von seinem Papa, der sich mal wieder über eine Talkshow im Fernsehen aufgeregt hatte. Sein Vater wetterte: „Diese Nichtsnutze. Reden groß über Politik und haben dabei keine Ahnung. Und dass die auch noch wählen können, ist ja ziemlich empörend. Solche Wirrköpfe sollten nicht genauso wie ich mitbestimmen können, was in unserem Land passiert…“ Und so weiter, und so weiter. Luis verstand noch nicht so viel von Politik.

Herr Schneider und die Bürgerrechte

„Tja. Das sind Wunschvorstellungen deines Vaters“, antwortete Herr Schneider ganz bedächtig. „Aber es wäre ziemlich undemokratisch. Bei uns hat nun mal jeder das Recht zu wählen. Und jede Stimme zählt gleich viel. Da gibt es keine Vorrechte für Kluge, Reiche oder besonders Fleißige. Das war früher mal so. Heute zählen alle Stimmen gleich. Zum Glück ist das so. Das hat nämlich auch was mit unseren Bürgerrechten zu tun. “ „Was sind denn Bürgerrechte?“, fragte Henry.
Der alte Schneider legte die Zigarre zur Seite: „Zum Beispiel wählen gehen ist ein Bürgerrecht. Alle können mitentscheiden, wo die Politik hingeht. Und alle Stimmen sind gleich wichtig. Vor vielen Jahren durften die Reichen wählen und die Armen und Ungebildeten nicht. Auch heute gibt es Staaten, in denen nicht alle Stimmen gleich viel zählen. Da kaufen sich manche Reiche die Stimmen von armen Leuten und haben damit viel mehr Einfluss bei der Wahl.“ „Ungerecht“, fanden die Jungs. „Ja“, sagte Schneider, „egal ob du 18 oder 80 bist, deine Stimme hat bei uns immer das gleiche Gewicht – alle sind gleich wichtig. Das ist das Gute an der Demokratie: Alle haben die gleichen Rechte…“
Auf dem Rückweg überlegen die beiden, was sie eigentlich so über Politik wissen. Über die Parteien, die Kandidaten und die Programme. Wenn sie jetzt zur Wahl gingen, wen würden sie wählen? Sie wüssten es nicht. Sie beschließen, sich gemeinsam mit den Eltern schlau zu machen…


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