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Spezial

Alltag und Kommunikation

Werbende Bildpostkarte vom Beginn des Ersten Weltkriegs. Mit dieser Propagandakarte sollten junge Männer für den Dienst als Soldat geworben werden.

Bildpostkarte von 1914. Junge Männer sollen dafür geworben werden, sich als Soldaten zu melden.

Wie stellt ihr euch das Leben vor 100 Jahren vor?

Bela, Ariane, Oliwia und andere Schüler aus Deutschland, Frankreich und Polen stellen sich das Leben vor 107 Jahren vor. Wie war es ohne Internet, Computer und Handy? War das Leben damals besser oder schlechter?

Wie stellt ihr euch das Leben vor 100 Jahren vor?, © Grand méchant loup | Böser Wolf

Ohne Kommunikation gibt es keinen Krieg
Wie war das Leben vor 107 Jahren wirklich? Interview mit Thomas Jander, Kommunikationsmuseum Berlin

Thomas Jander vom Kommunikationsmuseum Berlin betreute im Museum eine Ausstellung über den Ersten Weltkrieg. Die Reporter vom Bösen Wolf befragten ihn.

Die Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt einen Mann, der um 1910 telefoniert.

So sah das Telefon vor etwa 100 Jahren aus.

Konnte man damals schon telefonieren?

1914 war Telefonieren in Deutschland und in den USA schon recht verbreitet, beide Länder hatten die größten Telefonnetze der Welt. Telefone hatten Behörden, Geschäftsleute oder reiche Privatleute, die sich das leisten konnten. Telefonieren war in der Zeit nicht ganz billig, auch einen Anschluss zu erhalten war teuer. Meistens gab es Telefonverbindungen in den Städten. Überlandleitungen oder Kabel zwischen Kontinenten waren noch nicht sehr verbreitet.

Haben die Menschen häufiger Briefe geschickt als heute?

Ja, weil sie kein anderes Kommunikationsmittel hatten. Sie schrieben nicht nur zu Anlässen wie Feiertage oder Geburtstage. Lange, ausführliche Briefe an die weit weg lebenden Familienmitglieder und Freunde konnten so manches direkte Gespräch ersetzen.

Wie wurde die Post transportiert?

Die Briefe wurden in der Regel mit der Eisenbahn transportiert. Heutzutage ist die Beförderung mit dem Postflugzeug selbstverständlich. Pferde haben auch Post transportiert, in manchen ländlichen Gebieten Frankreichs war der Briefträger manchmal mit Hundewagen unterwegs.

Wurden Zeitungen überhaupt viel gelesen und wer las sie? Waren die Zeitungen teuer?

Zeitungen waren sehr weit verbreitet und die einzige offizielle Nachrichtenquelle, da es noch kein Radio oder Fernsehen gab. Daher haben fast alle Leute Zeitungen gelesen. Es gab viel mehr Zeitungen als heute, oft sogar zwei Ausgaben an einem Tag, als Morgen- und Abendblatt. Zudem etliche Sonderausgaben, auch als Plakatanschlag an Litfasssäulen. Viele Soldaten an der Front haben sich Zeitungen schicken lassen. Die Preise waren sehr erschwinglich, Zeitungen kosteten nur wenige Pfennige (Cent).

Kommunikation in Kriegszeiten


Ein Telegrafenschlüssel. Er wurde zum Senden von Morsezeichen genutzt. Der Holzschnitt in schwarz-weiß zeigt das Gerät von der Seite.

Kommunikation verlief im Ersten Weltkrieg auch über Telegrafen. Sie wurden zum Senden von Morsezeichen genutzt.

Wie wichtig ist Kommunikation in Kriegszeiten?

Krieg bedeutet immer ein riesengroßes Räderwerk, das in Bewegung gehalten werden muss. Nicht nur Massen von Menschen, sondern auch Waffen und anderes Material mussten von einem Ort zum anderen transportiert werden. Um sicherzustellen, dass das, was an einem bestimmten Ort ankommen soll auch dort ankommt, müssen die Menschen in irgendeiner Form miteinander kommunizieren. Egal ob per Telegraph, Telefon, Brief oder per Brieftaube, wenn diese Verbindungen abreißen, funktioniert diese große Kriegsmaschinerie nicht mehr richtig. Das ist häufig passiert.

Wie haben die Leute auf dem Lande erfahren, dass der Krieg ausgebrochen ist?

Jedes Postamt wurde am 2. August 1914 in Kenntnis darüber gesetzt, dass jetzt die Mobilmachung zu erfolgen hat, weil natürlich in jedem Dorf Männer zur Armee mussten. In jedem Postamt gab es einen großen Aushang mit der Bekanntmachung der Mobilmachung. Sonst erhielten die Männer auch Post von den Militärbehörden. Und die Zeitungen haben auch darüber berichtet. In ganz abgelegenen Orten wusste man vielleicht lange nichts vom Krieg. Wer so isoliert wohnte, lebte in der Regel von seiner eigenen Landwirtschaft. Bis irgendjemand kam und die Pferde oder die Ernte beschlagnahmte. Es gab im Krieg einen großen Bedarf an Nutztieren und Nahrungsmitteln.

Ein Feldpostbrief aus dem Jahr 1917. Links neben dem Datumstempel der Post ist das Wort "Feldpostbrief" aufgedruckt.

Ein Feldpostbrief aus dem Jahr 1917.

Wie wichtig war der Kontakt zwischen den Soldaten und ihren Familien?

Die Kommunikation zwischen den an der Front kämpfenden Soldaten und ihren Familien war sehr wichtig, denn normalerweise redet man am Tag oder am Abendbrottisch miteinander. Das konnten sie über viele Jahre nicht mehr tun. Die Sorgen der Angehörigen um ihre fernen Nächsten konnten aber durch ein Lebenszeichen gemildert werden.

Wurden die Briefe kontrolliert?

Eine bestimmte Geheimhaltung musste natürlich beachtet werden. Die Briefe wurden deshalb entweder direkt offen bei den Offizieren abgegeben oder sie wurden von Kontrollstellen anonym geprüft. Und wenn etwas in einem Brief stand, von dem der Offizier meinte, das hätte nicht geschrieben werden dürfen, dann kam man eventuell vor ein Gericht.

Ein Briefkasten ist an der Schreibstube 3. Kompagnie im 1. Weltkrieg angebracht. Ein Mensch mit Uniform wirft einen Brief in den Kasten.

Soldaten schrieben Briefe oder Karten. Die Feldpost kümmerte sich um den Transport der Post.

Wie wurden die Briefe zu den Soldaten gebracht?

Die Briefe wurden mit der Bahn transportiert. Schwierigkeiten gab es meistens erst, wenn sie die Schienen verlassen haben, wenn sie auf kleine Wagen oder auf Pferdegespanne umgepackt wurden. Die Soldaten waren auch nicht immer am selben Standort. Und die Briefe waren sehr häufig falsch adressiert. Im Ersten Weltkrieg hatten die Standorte sehr genaue Bezeichnungen: Armee, Division, Bataillon, Kompanie, und noch irgendwelche Abteilungen… Die Leute zu Hause wussten das nicht immer so genau. Ein sehr großer Teil ist angekommen, aber Verluste gab es.

Konnte man in Kriegszeiten überall telefonieren?

Nicht überall. Die Leitungen waren nicht gut genug, das Deutsche Reich hatte Fronten weit im Westen und weit im Osten, das waren tausende von Kilometern, die überbrückt werden mussten.

Hat man auch im Schützengraben telefoniert?

Im Ersten Weltkrieg war das erste Mal der Fall, dass direkt vorne in der Kampfzone die Soldaten an den Kanonen nicht mehr wussten, wo sie hinschießen. Also gibt es Leute, die in Ballons oder in vorgeschobenen Löchern sitzen und den Feind mit Ferngläsern beobachten und dann übers Telefon sagen, dort und dort und dort und dort.

Tiere als Boten
Früher gab es Brieftauben. Gab es sie auch im Ersten Weltkrieg?

Aber ja. In Kriegszeiten war es oft die einzige Möglichkeit, die Soldaten zu erreichen. Telefonieren und telegrafieren konnte man damals nur über Drähte. Du brauchtest zwischen dem einen und dem anderen Apparat eine Leitung. Wenn sie zerschossen wurde - und das wurde häufig getan – setzte man das unmoderne Mittel Brieftauben ein. Das war nicht ganz einfach, weil die Tauben sich natürlich orientieren mussten.

Wurden noch andere Tiere benutzt?

Ja, zum Beispiel Hunde. Tauben hat man für lange Distanzen benutzt, weil sie sich relativ gut zurecht finden. Hunden hat man – wie bei Brieftauben - ein Halsband umgebunden, ebenfalls mit kleinen Kapseln und dort wurden Meldungen reingetan. Wenn man sich im Bereich von drei, vier Kilometern über unübersichtliches Gelände nicht mehr mit menschlichen Meldern zurechtgefunden hat, dann hat man Hunde zwischen den Gräben hin- und hergeschickt. Und es sind dabei sehr viele verletzt worden und gestorben. Und wenn dem Hund das Bein abgerissen wird, ist es ja nicht so schlimm wie bei einem Menschen. So hatte man gedacht.

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